Edgar Selge hat diesen autobiografischen Roman seinen Brüdern gewidmet. Beim Lesen erschließt sich auch sofort, warum. Die Brüder sind ihm Anker und emotionaler Halt. Der Vater regiert mit Strenge und Schlägen. Nach außen ist er der vielgeachtete Direktor des Jugendgefängnisses Herford.

Die Familie musiziert zusammen, der Vater gibt Hauskonzerte, die Brüder studieren klassische Musik.

Edgar lebt in seiner eigenen Welt, flüchtet sich in Gedankenspiele und fühlt sich im Vergleich mit den anderen minderwertig. Er beobachtet den Familienkosmos und kann die Ausbrüche des Vaters nicht mit dem feingeistigen, musikalischen Menschen verbinden.

Als er älter wird, erkennt er, dass seine Eltern geprägt sind von der Nazizeit und sich von diesem Gedankengut nie ganz befreien konnten. Ein Dilemma, dass in der Nachkriegszeit bis in die Institutionen und hohen Staatsämter reichte.

Edgar Selge erzählt poetisch, oft ironisch und trotz allem mit viel Herzenswärme. Am Ende hat man das Gefühl, viel mehr Seiten als knapp 300 gelesen zu haben.

Rowohlt Verlag, € 23,00

Ines Kribbel